Riemenschneider am Theater Bremen

Mozarts „Entführung aus dem Serail“: Nichts ist sicher

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Ein etwas anderer Paartanz: Dank doppelter Besetzung reflektieren die Charaktere ihr Verhalten direkt auf der Bühne.

Bremen - Von Ute Schalz-Laurenze. Natürlich gab es am Ende Buhs, denn das Publikum hatte in Bremens neuer Inszenierung von Wolfgang Amadeus Mozarts „Die Entführung aus dem Serail“ alles mögliche gesehen, nur keinen Serail. Der junge Schauspielregisseur Alexander Riemenschneider, der seine zweite Oper inszenierte, wartete mit einem philosophischen und psychologischen Tiefgang über die Liebe auf, der jede Erwartung gegenüber dem berühmten Singspiel vollkommen umkrempelt. Riemenschneider doppelt die Sänger mit Schauspielern – und das erlaubt den Personen, über sich selbst zu reflektieren.

Der Ausgangspunkt ist eine vollkommen oberflächliche Party im Bürgertum, auf der die Gäste darüber fantasieren, was sie sich unter Orient vorstellen – und dabei ihre krassen Gefühle ausleben. Die stillstehenden Inseln der großen Arien werden in diesem Zusammenhang zu einem Gang in die Tiefen der Psyche, ein Gang zu den Ängsten, Begierden und Sehnsüchten. Als Konstanze ihre „Traurigkeit“-Arie singt, geschehen weitere Abläufe im Hintergrund: Fünfmal verabschiedet sich Belmonte mit seinem Beamtenköfferchen und Konstanze begibt sich zur Flasche, der Bassa schaut zu.

Die ungeheuerliche, bis heute so verstörende Musik von Mozart gerät in dieser sehens- und hörenswerten Aufführung zum Impuls für seelische Irritierungen – die schließlich wieder in der Musik landen. Das Aufregende und gleichzeitig Wohltuende an dieser klugen und hochsensiblen Inszenierung ist die Tatsache, dass für die weitreichenden Deutungen die Musik an keiner Stelle verstümmelt werden musste.

Die Marternarie zeigt die ganze Ambivalenz der Constanze: ihre immer währende Sehnsucht nach dem Bassa. Parallel dazu baut Riemenschneider zwei Monologe aus der „Traumnovelle“ von Arthur Schnitzler (1926) ein, in der sich zwei biedere Frauen ihre erotischen Träume erzählen. Vor diesem Hintergrund ist das große Quartett am Ende des zweiten Aktes auch keine endgültige Versöhnung, sondern allerhöchstens die gemeinsame pragmatische Einsicht, dass besser nicht weiter nachgefragt werden soll. Alle Akteure auf der Bühne gehen in eine unbekannte Zukunft. Nichts ist zu Ende, nichts ist gut – und vor allem: Nichts ist sicher.

Ein Angebot, über Mozart nachzudenken

Insgesamt ist die Inszenierung ein phänomenales Angebot, über Mozart neu nachzudenken. Denn über alle gesellschaftlichen Konditionierungen hinweg stellt er immer wieder die Frage: Was ist der Mensch? Und kommt zu der Erkenntnis, dass dieser nicht berechenbar ist.

Eine derartig mutige Inszenierung kann nicht immer „Logik“ leisten, einiges wird unvermittelt und unverständlich regelrecht in die Geschichte hineingeknallt – wie zum Beispiel ein Gewaltanfall des Bassa gegenüber Constanze oder auch die metaphorische Gestalt des Osmin, der als ein erotisch praller Bösewicht ständig dazwischen geht. Außerdem taucht das bei Schnitzler vorkommende Kind des Ehepaares hier auf – völlig unverständlich. Aber das macht nichts.

Vor allem wenn man festhält, dass die urspürngliche Geschichte ja auch an keiner Stelle glaubwürdig ist. Es dauert allerdings zu lange, bis der Zuschauer das Konzept als die ständige Vermischung von Realität und Traum verstanden hat.

Schöne, schnelle und farbenreiche Klänge

Ummandelt wird das Ganze von schönen, schnellen und farbenreichen Orchesterklängen die sich unter der Leitung des ersten Kapellmeisters Hartmut Keil im Verhältnis zu den Sängern hoffentlich noch präzisieren lassen. Nerita Pokvytyte ist eine unruhige Constanze, immer auf der Suche nach etwas, was sie gar nicht kennt. Diese Empfindung wird auch von der Schauspielerin Stephanie Schadeweg gut gespielt. Praller Wirbelwind sind die beiden Blondes von Martina Nawrath, Gesang, und Anna-Lena Doll, Schauspiel.

Hyoyong Kim präsentiert sich als tadelloser Mozartsänger und zeigt mit seinem Schauspielpendant Ferdinand Lehmann einen reichlich verunsicherten Belmonte. Ein Gewinn fürs Ensemble ist sicher der Tenor Joel Scott, der zusammen mit Parbet Chugh einen flexiblen Pedrillo gestaltet. Überragend die schaupielerische Leistung von Christoph Heinrich als Osmin in seinen vielschichtigen Aspekten, die sich auch im Gesang niederschlagen: Tiefe für diese Rolle wird noch wachsen nach seinem Wechsel ins Bass-Fach. Alexander Swoboda als Bassa ergänzt dieses Ensemble gut. Daher ist es kaum überraschend, dass sich in die Buhs starker Beifall mischte.

Die nächsten Aufführungen: 11., 14., 22. Dezember sowie 13., 20. und 30. Januar, Großes Haus, Theater Bremen.

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