INTERVIEW Morgen feiert „Der Rosenkavalier“ Premiere am Theater Bremen

„Es ist vor allem ein Seelendrama“

Einen Blick ins Innere des Labyrinths des Lebens gibt es morgen im Theater Bremen. Foto: jörg landsberg

Bremen - Von Ute Schalz-laurenze. Richard Strauss‘ 1911 uraufgeführter „Rosenkavalier“ behandelt als „Komödie für Musik“ den Zerfall des Adels. Der verarmte, trampelige Wiener Baron Ochs stellt der schönen Marschallin ebenso nach wie der neureichen vierzehnjährigen Sophie, die er heiraten will. Der siebzehnjährige Graf Octavian hat ein Verhältnis mit der Marschallin, wechselt dann aber zu Sophie. Wie genau diese Geschichte auf der Bühne des Theater Bremen aussehen wird, verrät Regisseur Frank Hilbrich im Interview.

Das Stück spielt 1740, handelt also am Vorabend der französischen Revolution schon vom Zusammenbruch des Adels. Das Kompositionsjahr ist 1911, also der Vorabend des ersten Weltkrieges. Wo siedeln Sie Ihre Inszenierung an?

Weder in der einen noch der anderen konkreten Zeit. „Der Rosenkavalier“ handelt nicht von einer speziellen historischen Epoche, sondern behandelt viel mehr ein bestimmtes Lebensgefühl. Es geht um Vergänglichkeit, Tod, Untergangsstimmung, Verstörungskraft der Liebe. Es ist also vor allem ein Seelendrama. Wir spielen auf einer rein psychologischen Ebene. Natürlich gibt es historische Anklänge: die Spieler definieren sich in der Wahl eines Kostüms oder auch einer Geste selbst, suchen, wo sie dazugehören könnten. Die Gesellschaftsbilder, die taugen aber nichts mehr. Es handelt von der Unbegreifbarkeit unseres Lebens.

Strauss läßt die ästhetische Provokation seiner Musiksprache von „Elektra“ (1909) und „Salome“ (1905) im „Rosenkavalier“ hinter sich. Er will gefallen. Verstehen Sie das Werk trotz seiner überragenden kompositorischen Qualität auch als einen Opportunismus an den Publikumsgeschmack? Er wollte ja sogar Mozart nachahmen.

Ich denke, er hat ja eher den Publikumsgeschmack überlistet. Sicher gibt es viel, was gefällig wirkt, aber in tieferen Schichten geht die Oper als Werk weit über die frühen hinaus.

Immer wieder trifft man bei Dirigenten auf diese Strauss-Faszination. Wie geht es Ihnen mit dieser Musik?

Also, ich mag die Seelenmusik, die so ein großes Strauss-Orchester frei gibt, schon auch sehr. Das ist extrem gekonnt und sehr raffiniert gemacht, vor allem ist es sehr genaue psychologische Theatermusik. Wir haben übrigens größere Striche gemacht als oft üblich. Yoel Gamzou hat die Partitur unter ein Brennglas gelegt und so die Kanten und die Widersprüche geschärft, der eigentliche Kern des Werks wird so vielleicht schärfer erkennbar.

Über weite Strecken ist das Stück äußerst brutal, jede Figur mit sich vollkommen unzufrieden. Wir haben die Komik und den Schwank, wir haben aber auch eine tiefe Melancholie, die sich besonders im großen Monolog der Marschallin zeigt. Erzählen Sie uns etwas über diese sehnsüchtige Marschallin, über den Ochs, den hochgekommenen Faninal und die kleine Klosterschülerin Sophie. Diese Figuren sind ja alle völlig überzeichnet.

Die sind alle Prototypen für Personen, die auch wir sein könnten. Menschen verschiedener Alters- und Reifestufen, die versuchen, dem Tod noch für möglichst lange Zeit zu entkommen. Durch die Konfrontation mit dem 17-jährigen Octavian, dem Rosenkavalier, werden sie alle erotisch herausgefordert und an seelische Abgründe geführt, die sie vorher nicht kannten. Alle verrenken und verdrehen sich, um ihren erotischen Ort und Platz im Leben zu finden. Die Marschallin betrügt ihren Ehemann, liebt Octavian, aber versucht gleichzeitig, ihn wieder loszuwerden. Als er sie dann verlässt, tut das furchtbar weh. Sophie hat noch keine Ahnung vom Leben und erfährt die Erotik als brutales Wechselbad der Gefühle. Selbst mit dem brutalen Ochs habe ich Sympathien. Hinter seiner Begeisterung für Sex steckt eine unendliche Einsamkeit, eine arme, einsame Seele. Alle verheddern sich in Widersprüche und offene Fragen. Überall Liebe und Tod, das sind die Dinge, mit denen wir irgendwie nie fertig werden, alles andere schaffen wir ja.

Mir ist in Ihren Inszenierungen ein Schwerpunkt aufgefallen. Sie fragen eigentlich immer: Was macht die Kindheit mit uns?

Ja, wir sehen ja exemplarische Gestalten der Gesellschaft, wir sehen das Labyrinth des Lebens. Wie erhält man seinen Raum darin, wie verarbeitet man seine Triebe? Eine Gesellschaft, die gar keine Regeln hat, kann nicht funktionieren. Das Kartenhaus droht zusammenzubrechen. Ich habe darauf keine Antwort. Sie suchen nach dem, was sie sein können und sollen, und das hängt natürlich auf das Engste mit der Kindheit zusammen.

Zu keiner Oper gibt es einen derart ausführlichen Briefwechsel zwischen Librettisten und Komponisten wie für den „Rosenkavalier“ zwischen Hofmannsthal und Strauss. Hatte dieser Briefwechsel Einfluss auf Ihren Ansatz? Harry Graf Kessler, der am Text mitarbeitete, sagte, Strauss habe die subtilen Texte „totkomponiert“.

Na ja, Strauss wird natürlich manchmal wirklich derb und laut. Aber solche Widersprüche zwischen Text und Musik sind ja das Spannende im Musiktheater, der Punkt wo plötzlich zwei Wahrheiten und Fragen entstehen. Die muss man aufdecken. Immer wieder zum Beispiel erklingt leichte Walzermusik, wenn Ochs darüber spricht, wie man Frauen sexuell zur Lust gebrauchen soll. oder auch im dritten Akt, wenn alle eigentlich ruiniert und ratlos auf der Szene stehen und von einem gewaltigen, fast gewalttätigen Walzer überfahren werden. Wie diese Wucht die Figuren lähmt und immer verzagter werden lässt, das versuchen wir zu zeigen.

Es wurde Strauss auch vorgeworfen, dass er den Walzer nutzt, obwohl es diesen 1740 noch nicht gab?

Hofmannsthal und Strauss schreiben ja nicht über 1740. Das ist ein Stück der Moderne, ein Stück über gesellschaftlichen Verfall, über ihre Zeit und generell über die Verlorenheit des Menschen in seiner Zeit, wie bei Arthur Schnitzler zum Beispiel.

Die Premiere

Richard Strauss, „Der Rosenkavalier“: Premiere ist morgen Abend um 19 Uhr im Theater am Goetheplatz. Musikalische Leitung: Yoel Gamzou, Regie: Frank Hilbrich, Bühne: Sebastian Hannak, Kostüme: Gabriele Rupprecht

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