National Dance Company Wales tanzt in Oldenburg und Bremerhaven

Die Letzte macht das Licht an

In der „Tundra“ ist es kalt. Foto: Rhys Cozens

Oldenburg - Von Rolf Stein. Es gibt im Theater manchmal diese Momente, in denen es einem als Zuschauer geradezu die Sprache verschlägt, sei es, weil eine Darbietung einen verblüffend artistischen Höhepunkt zeigt, sei es, weil sich ein künstlerischer Gedanke in ästhetischer Klarheit manifestiiert. „Tundra“, von dem spanischen Choreografen Marcos Morau für die National Dance Company Wales eingerichtet und der erste Teil des dreiteiligen Abends „Terra Firma“, gelingt es gleich in der ersten Szene, beides miteinander zu verbinden.

In langen Röcken bewegen sich die acht Tänzer über die Bühne, als würden sie sich nicht auf Füßen fortbewegen, sondern schwerelos gleiten. Aber nicht nur das: Sie verhalten sich auch zueinander, als würden sie von einer magnetischen Kraft determiniert.

Es geht Morau um die Kraft des Kollektivs. Anklänge an russische Folklore sollen an die Oktoberrevolution erinnern. Eine Revolution, so der Gedanke, ergibt sich weniger aus dem Wirken einzelner als aus einem Zusammenwirken vieler. Die Idee hat etwas für sich, auch wenn man die Referenz an den Umsturz, aus dem die Sowjetunion hervorging, für problematisch halten mag.

„Tundra“ bleibt allerdings nicht in dem oben skizzierten wundersamen Bild. Morau hat für die Tänzer noch andere Settings vorgesehen. Flackerndes Neonlicht und krass gemusterte Ganzkörperanzüge zum Beispiel, in denen die Tänzer sich mit erneut beachtlicher Präzision in einen ruhelosen Organismus verwandeln. Hier hat die Gemeinschaftlichkeit auch etwas Beunruhigendes.

Scheinwerfer erhellen nach und nach die Szene des zweiten Teils des Abends mit dem Titel „Atalay“ von Mario Bermudez Gil, allerdings nur punktuell. Von oben scheinen sie auf die Tänzer herab, die sich zwischen den Lichtkegeln zu orientalisch anmutender Perkussion bewegen, die an Suchscheinwerfer, vielleicht am Zaun eines Lagers, erinnern. Immer wieder tauchen sie in ein Halbdunkel ein, das alle drei Stücke des Programms verbindet, so unterschiedlich sie auch sonst sein mögen.

Vor allem „Folk“, das die Hauschoreografin und bis 2018 künstlerische Leiterin der Company, Caroline Finn, kreiert hat, mutet deutlich stringenter an, auch wenn die Geschichte sich nicht bis ins Letzte entschlüsseln lassen mag. Als „tableaux vivants“, also als lebende Bilder, formiert Finn die Tänzer, die in allerlei kleinen, oft skurrilen Szenen eine Art altertümliche Dorfgemeinschaft darstellen könnten. Was dem Abend latent eingeschrieben ist, nämlich ein Hang zur Verklärung und Verunklarung, unterläuft Finn mit einer schelmischen Musikauswahl und – ganz schlicht – mehr Licht.

Weitere Termine:

Heute, 20 Uhr, Kleines Haus, Oldenburgisches Staatstheater;

Sonntag, 19.30 Uhr, Großes Haus, Stadttheater Bremerhaven.

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