Bremer Shakespeare Company zeigt „Die Widerspenstige“

Modern, aber unterworfen

Shakespeare als Albtraum – mit Erik Rossbander (v. l.), Simon Elias, Nora Rebecca Wolff, Svea Auerbach und Tim Lee. Foto: Marianne Menke

Bremen - Von Katia Backhaus. Kate hat von Anfang an verloren: Im grünen Arbeitsanzug, der jede Weiblichkeit verleugnet, hetzt sie zwischen Herd und Blumentopf hin und her und bereitet unter Computer-Aufsicht Fleischpapp zu – eine braune Masse mit perfekter Nährstoffzusammensetzung. Nebenbei versucht sie, ihre Rosen zu kurieren. Aber immer wieder ruft der elektronische Wächter sie an den Herd, diszipliniert die Hobbygärtnerin in ihrer einzigen Passion. Kate, die „Widerspenstige“, die Ralf Siebelt am Theater am Leibnizplatz zeigt, bleibt auch in der modernen Version eine Unterworfene.

Während in Shakespeares „Der Widerspenstigen Zähmung“ die gesellschaftlichen Konventionen Katharina in die ungewollte Ehe mit dem gierigen Petruchio zwingen, der am Ende triumphal ihren Willen bricht, ist Siebelts Interpretation offener. Sie folgt zu großen Teilen Anne Tylers Roman „Die störrische Braut“ von 2016. Welche Herrschaftsverhältnisse der Moderne – der Primat der Vernunft, die binäre Geschlechtermatrix oder der ausgrenzende Nationalismus – Kate schließlich zum Ja-Wort zwingen, ist auch nach dem letzten Akt nicht ganz sicher.

Vernunft und Intelligenz sind jedenfalls die höchsten Tugenden im Hause Battista, in dem Kate mit ihrer Schwester Bibi und ihrem Vater, dem leidenschaftlichen Forscher, lebt. Sowohl die Mutter als auch die 15-jährige Bibi hält der Vater für wenig helle. In Kate sieht er mehr, nutzt sie aber schamlos aus: Die Mittdreißigerin mit abgebrochenem Botanikstudium ist neben ihrem Vollzeit-Job für den Haushalt und die Betreuung der Schwester zuständig. „Du dienst der Wissenschaft, wenn Du das tust“, sagt der Vater.

Der Höhepunkt in diesem häuslichen Dasein ist der Wunsch des Wissenschaftlers, Kate möge seinen Laborassistenten Pjotr Shcherbakov heiraten, um dessen Aufenthaltserlaubnis zu sichern. Pjotr (Tim Lee) glänzt als tapsig-genialer Wissenschaftler aus Osteuropa, der mit Sprachdrehern amüsiert, aber zugleich Dominanz zeigt. Mit Kates Vater, den Erik Rossbander trotz dessen Manipulationsversuchen mit nicht wenig Charme ausstattet, forscht Pjotr zu Autoimmunkrankheiten, Experimente an Mäusen sind ihr Tagesgeschäft – manipulativ wie das Kuppelei-Geschacher bei Shakespeare. Der Tauschhandel Ehe, im 16. Jahrhundert eine Angelegenheit zwischen Männern, bringt dem einen Reichtum, dem anderen die Befreiung von der störrischen Tochter.

In der neuen Fassung der „Widerspenstigen“ geht es um die Karriere des Vaters. „Für sein Ego, für seine Wissenschaft!“, wütet Schwester Bibi, als sie beim Fleischpapp von den Heiratsplänen erfährt. „Wer Mäuse quält, verzockt auch seine Tochter“, kommentiert ihr Freund Eddie (Simon Elias), dogmatischer Veganer, zynisch. Während Gast Nora Rebecca Wolff als Pubertierende einen höchst dynamischen Auftritt hinlegt, trifft Elias genau den Nerv, der seiner Rolle als latent-aggressiver Peta-Aktivist entspricht.

Und Kate? Svea Auerbach gelingt es, ihre Figur zwischen Wut und Verzweiflung schwanken zu lassen. Düstere Shakespeare-Albträume unterbrechen immer wieder die Labor-Situation (Bühne und Kostüme: Heike Neugebauer). Kate wird zu Petruchio, Pjotr zu Katharina. Wüste Leidenschaft, böse Worte, getösige Toberei: In den Einschüben brechen sich immer wieder Männer-Macht und Frauen-Wut Bahn. Dabei erweisen sich Auerbach und Lee als höchst dynamisches Duo – beim Tanz auf dem Tisch wie in schnellen, harten Dialogen.

Doch trotz aller Irrungen bleiben die Geschlechterrollen im Stück stets intakt. Rosa und Blau sind Kleidung und Geschirr, Bibi personifiziert in Stöckelschuhen verführerische Weiblichkeit, Pjotr isst am liebsten Phallusförmiges: Bananen und Wurst. Kate, in Pflanzengrün gewandet, scheint derweil auch als Frau gescheitert zu sein. Sie, die „feindselig, giftig und kalt“ Gewordene, die sich ein selbstbestimmtes Leben nicht zutraut: Fehlt ihr am Ende nur ein Mann?

In dem Moment, in dem sie sich unter einer Plastikplane auf der Bühne windet, von einer Welt ohne Menschen träumt, ist die Verzweiflung groß, aber der Wunsch nach Freiheit größer. Kate kämpft sich unter der Plane hervor – und willigt in die Heirat ein. Wie es zu dieser Wende kommt, die auch in Tylers Roman die schwächste Stelle ist, bleibt offen.

Die vom Vater nahegelegte Deutung, durch eine Scheinehe dem Nationalstaat ein Schnippchen schlagen zu können, überzeugt nicht. Themen wie Nationalismus oder grenzüberschreitende Solidarität bleiben auf der Bühne außen vor. Vielmehr gehe es, sagt Kate, um ihre Freiheit. Pjotr habe gefragt, ob sie weiterstudieren wolle. Wen habe das im Hause Battista je interessiert?

Dass am Ende geheiratet wird, geschieht bei Siebelt – anders als im Roman, wo Pjotr die letzte Initiative ergreift – nach Kates Willen. Dabei bleibt sie die Frau, die es nicht geschafft hat, der Macht von Vernunft und Vater entgegenzutreten. „Springen kannst Du nur mit einem Mann, nicht alleine?“, fragt Bibi. „Vielleicht nicht“, antwortet Kate.

Die nächsten Termine:

Sonntag, 21. April, 19.30 Uhr, Samstag, 27. April, 19.30 Uhr, Theater am Leibnizplatz, Bremen.

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