SERIE: THEATER GANZ NAH Die Tanzsparte als „Welt in der Welt“

Sieben Jahre Evolution

Gregor Runge Foto: Schümann

Bremen - Von Frank Schümann. August 2012, Theater am Goetheplatz. Der Intendant schickt sich zur theaterüblichen, alljährlichen Begrüßung an, und da er neu ist, liegt eine besondere Spannung in der Luft. Das Theater ist gut besetzt, und doch zieht eine rund 20 Personen große Gruppe sofort alle Aufmerksamkeit auf sich – unübersehbar sehr international und „mit Kind und Kegel“, wie einer raunt. Es sind die Tänzer der „Unusual Symptons“, der Truppe von Samir Akika, die das Theater mit einem anarchistischen Hauch überziehen, dabei aber sehr herzlich und offen miteinander umgehen – zur allgemeinen Begeisterung der Mitarbeiter.

Gregor Runge lacht, wenn er an diese Geschichte erinnert wird. „Ja, das war schon speziell“, sagt der Dramaturg, der seit Beginn der jetzt abgelaufenen Saison gemeinsam mit Alexandra Morales auch die Leitung der Tanzsparte innehat: „Wir saßen als bunter Haufen in einer Ecke mit den ganzen Kindern, es war alles total neu – ein besonderer Moment, wie am ersten Tag in der Schule.“ Die Situation damals sei sprichwörtlich gewesen für die Begegnung zweier Welten, die sich erst einmal kennenlernen mussten. „Wir alle hatten mit den Strukturen eines Stadttheaters, die wir hier vorfanden, natürlich kaum Erfahrung“, sagt Runge, „und auch das Theater musste sich erst an uns gewöhnen.“

Samir Akika selbst – Zugpferd und damaliger Leiter der Compagnie – hatte von Beginn an die Befürchtung, dass zu viel Routine die Kreativität behindern könne; trotzdem hatte er sich der Herausforderung gestellt und mit seiner Gruppe das Angebot, das ihm der damals neue Intendant Michael Börgerding gemacht hatte, angenommen. Und wie das mit Freigeistern so ist: In der Anfangsphase wurden dann auch mal Beleuchtungszeiten nicht so ernst genommen oder eigenmächtig die Probentermine verändert, ohne das mit den Verantwortlichen abzusprechen. „Es hat schon an der einen oder anderen Stelle geknirscht“, erinnert sich Runge schmunzelnd: „Wir haben versucht, die Prozesse so zu steuern, wie wir es für richtig hielten“, aber: „Das musste natürlich in die Strukturen des Hauses integriert werden, und das war nicht immer ganz einfach.“

Insgesamt habe es der Gruppe aber auch gut getan, sagt Runge – und dem Theater ebenfalls: „Ich denke, es ist gut und hilfreich für so ein Haus, dass man sich auch andersrum neuen Strukturen aussetzt und Krusten aufbricht – und damit auch über den Tellerrand hinausschauen kann.“ Über die Jahre habe sich das „Harmonisieren der Strukturen“ gut entwickelt: „Wir haben versucht, einen Mittelweg zwischen den beiden Polen zu finden, und ich glaube, das ist uns gut gelungen – wir arbeiten in ziemlicher Autonomie und zehren gerade jetzt von dem, was wir in den vergangenen sechs Jahren erreicht und erstritten haben.“

Künstlerisch gilt das auch: Waren die ersten am Theater Bremen entstandenen Arbeiten von Samir Akika wie „Funny, how“ oder „Penguins & Pandas“ laut Runge „dem noch sehr ähnlich, was er vorher gemacht hat“, sei in den folgenden Jahren eine Entwicklung in andere Richtungen erkennbar gewesen, was auch an der beschriebenen Wechselwirkung von Haus und Compagnie liege. Schon in den vergangenen Spielzeiten wurden zum Teil Gast-Choreografen engagiert, und seit Samir Akika die Leitung der Sparte abgegeben hat und sich auf seine Rolle als Hauschoreograf konzentriert, konnten – ohne die Leistung Akikas schmälern zu wollen – andere Wege konsequenter beschritten werden. „Wir führen Samirs Credo, sich nicht wiederholen zu wollen, jetzt auf einer anderen Ebene fort“, sagt Runge, „wir machen sehr viel, um unsere Offenheit aufs Publikum zu übertragen.“

Runge freut sich besonders über die steigenden Zahlen der Tanzsparte, „weil das unterstreicht, dass das Publikum unsere Neugier auf die unterschiedlichen Formen und Ansätze offenbar teilt“. Und Samir Akika selbst finde gerade für sich wieder einen „ganz neuen Spirit für seine Arbeit.“

Trotz aller Veränderungen sei der Geist von damals immer noch da, glaubt Runge: „Im Grunde ging es ja darum, extrem neugierig aufeinander zu sein, und das ist heute immer noch der Fall“. Mit einer unbequemen, aber eben extrem offenen Haltung zu sehen und abzuschätzen, was geht – und das umzusetzen. Das sei mit der letzten Arbeit „Coexist“ besonders gut gelungen; Runge sieht eine gewaltige Entwicklung auf dem künstlerischen Weg. „Wir sind dem Theater sehr dankbar, diese Chance bekommen zu haben und über eine lange Zeit beweisen zu dürfen, dass wir gute Ideen haben“, so der Dramaturg weiter. Und er ist überzeugt davon, dass diese „Evolution über sieben Spielzeiten“ nur möglich gewesen sei, weil gerade in der Anfangszeit viel gestritten wurde.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Unwetter richten hohe Schäden an

Unwetter richten hohe Schäden an

Brinkfest in Hodenhagen

Brinkfest in Hodenhagen

Erstes Kindersommerfest in Twistringen

Erstes Kindersommerfest in Twistringen

Operngala in Bassum

Operngala in Bassum

Meistgelesene Artikel

Die Lust am Untergang

Die Lust am Untergang

Erinnerungen an Woodstock: „Ich war von der Stimmung stoned“

Erinnerungen an Woodstock: „Ich war von der Stimmung stoned“

Dem Idyll misstraut

Dem Idyll misstraut

Sieben Jahre Evolution

Sieben Jahre Evolution

Kommentare