Nona Inescu lotet im Künstlerhaus Bremen unser Verhältnis zur Natur aus

Sodom und Gomorrha

Wo ist die Grenze? Blick in die Ausstellung „Corporealle“ von Nona Inescu. Foto: Franziska von den Driesch

Bremen - Von Rolf Stein. Einer alten Geschichte zufolge verwandelte sich die Frau Lots auf der Flucht in eine Salzsäule. Mit ihrer Familie dem Untergang Sodoms knapp entronnen, drehte sie sich noch einmal um – und verstieß damit gegen das Wort Gottes. Eine Felsformation erinnert noch heute an sie. Dass Menschen zu Stein werden, ist auch in anderen Kulturen eine beliebter Topos. So dichtete ein unbekannter viktorianischer Autor dem Mount Tamalpais nördlich von San Francisco an, bei den Ureinwohnern als schlafende Jungfrau zu gelten.

Bei Nona Inescu aus Bukarest, deren erste Einzelausstellung „Corporealle“ seit heute im Künstlerhaus Bremen zu sehen ist, gibt es Schwarz-Weiß-Fotografien zu sehen, die die Künstlerin im engen Kontakt zu Gestein zeigen. „Concretions (Geophilia)“ heißt die Reihe, der die Bilder entstammen.

Die Felsen, die wir dort sehen, sind allerdings etwas Besonderes. Es handelt sich bei ihnen um Sandsteinkonkretionen in der Wallachei, die, so sagt die Legende, leben. Diesen Ruf verdanken sie ihrer spezifischen Zusammensetzung, dank derer sie beispielsweise nach Regenfällen tatsächlich wachsen und dabei Formen bilden können, die verblüffend organisch wirken. Inescu schmiegt sich auf den Fotografien in jene Felsen, als wolle sie mit ihnen verschmelzen.

Das Verhältnis von Mensch und Natur beschäftigt sie auch sonst in dieser Ausstellung. Zu den neueren Arbeiten gehört die Installation „Acumen“. Keramiken, die die Form von Zähnen und Knochen, aber auch von zu Werkzeugen umfunktionierten Gebeinen haben, liegen, zum Teil durch Ketten verbunden, in einer flachen, mit Sand gefüllten Kiste. Menschliche Überbleibsel, die durch den Menschen wieder funktional gemacht werden – oder eben als letzte Spuren zurückbleiben.

Es mag beinahe etwas banal erscheinen, auf das im Grunde genommen unauflösliche Verhältnis des Menschen zur Natur hinzuweisen. Schaut man sich Inescus Arbeiten in „Corporealle“ an, wird man allerdings schnell daran erinnert, dass dieses Verhältnis alles andere als klar ist. Ist die Natur überhaupt noch Natur, nachdem der Mensch so nachhaltig in sie eingegriffen hat und immer noch eingreift?

Im Gespräch mit der Presse gibt Inescu zu Protokoll, dass ihre künstlerische Arbeit durchaus einen ökologischen Aspekt habe. Die versteinerte Koralle auf dem Beifahrersitz greift in diesem Sinne nicht nur die poröse Struktur des Sitzbezugs auf. Sie lässt sich auch mahnendes Gleichnis dafür lesen, wie die Menschheit auf die Katastrophe zurast und es einfach darauf ankommen lässt, was mit der Natur, mit der sie existenziell verbunden ist, passiert. Der Untergang von Sodom und Gomorrha ist nichts dagegen.

Sehen

Bis 1. September, Galerie im Künstlerhaus, Am Deich 68/69, Bremen; www.kuenstlerhausbremen.de

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