Schwer zu fassen

Sprengel-Museum in Hannover zeigt Kurt Schwitters und sein Umfeld

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Vielen Dadaisten schien Kurt Schwitters zu bürgerlich – „Merzbild 29 A. Bild mit Drehrad.“ (1920 und 1940) aus dem Bestand des Sprengel-Museums in Hannover. 

„Merz bedeutet Beziehungen schaffen, am liebsten zwischen allen Dingen der Welt“: So schrieb einst Kurt Schwitters (1887 bis 1948), und da der exzentrische Künstler diesen Begriff im Jahr 1919 proklamierte, nutzt das Sprengel-Museum das runde Jubiläum, um die Ausstellung „100 Jahre Merz. Kurt Schwitters. Crossmedia“ zu zeigen.

Hannover - Von Jörg Worat. Die groß angelegte Schau, weit überwiegend aus den eigenen Beständen zusammengestellt, scheint auch und vor allem für diejenigen geeignet, die mit dem „Merz“-Künstler bislang wenig anfangen konnten. Und diese Spezies ist recht weit verbreitet. Das ist gar nicht einmal so erstaunlich, ist Schwitters doch schwer zu fassen: Er hatte eine durchaus strenge Seite und eine sehr verspielte, konnte ernst sein und nachgerade albern – falsch ist es aber, ihn, wie üblich, auf den Dadaisten zu reduzieren. Mit den Vertretern dieser Gruppe hatte Schwitters zwar einige Gemeinsamkeiten, doch waren sie ihm im Kern zu destruktiv, während er wiederum vielen Dadaisten zu bürgerlich vorkam: Richard Huelsenbeck verglich ihn mit Carl Spitzweg, was ein moderner Künstler eher ungern hört. „Der reine Merz ist Kunst“, betonte Schwitters, „der reine Dadaismus Nichtkunst; beides mit Bewusstsein.“

Die Ausstellung zeigt natürlich die bekannten Collagen, in die sämtliche Materialien vom Zeitungsausschnitt über den Holzklotz bis zum Konservendeckel Eingang finden konnten, und die bei genauer Betrachtung alles andere als beliebig gestaltet sind, sondern klaren Kompositionsprinzipien gehorchen – diese nämlich kannte Schwitters, der als studierter Künstler stets auch gemalt und gezeichnet hat, sehr gut. Das Sprengel-Museum macht dankenswerterweise deutlich, dass bei aller Hinwendung zur Abstraktion das Naturhafte in diesem Werk durchaus einen Platz gefunden hat, wie man etwa einer malerischen Darstellungen von Kristallstrukturen entnehmen kann: „Die Natur ist als Ganzes so harmonisch und gesetzmäßig gestaltet, dass sie uns zum Vorbild dienen kann“, fasste Schwitters seine diesbezüglichen Ansätze zusammen.

Den roten Faden der Schau bildet die Zeitschrift „Merz“, die der Künstler zwischen 1923 bis 1932 herausgegeben hat. Mit ihrem multimedialen Ansatz wirkt sie auch aus heutiger Sicht ausgesprochen modern, denn im Sinne des eingangs erwähnten Schaffens von Beziehungen war Schwitters immer wieder an Bereichen jenseits der gängigen Vorstellung von bildender Kunst interessiert, etwa an Typografie, an Werbung, an Theater, an Lautgedichten und an Musik – die „Ursonate“ gehört zu den bekanntesten Schwitters-Werken überhaupt.

Außer ihm gab es zwar keinen zweiten Merz-Künstler, doch pflegte er regen Austausch mit Kollegen wie Hans Arp, El Lissitzky oder der niederländischen Gruppe „De Stijl“, die allesamt ebenfalls in der Ausstellung vertreten sind.

Und wer überhaupt noch nie im Sprengel-Museum war, sollte sich den „Merzbau“ nicht entgehen lassen: Diese Rekonstruktion – das Original wurde 1943 bei einem Bombenangriff zerstört – zeigt einen Raum aus Schwitters‘ Wohnhaus, gestaltet im typischen Collageprinzip, hatte der Künstler doch 1923 angefangen, auch sein persönliches Lebensumfeld zu „vermerzen“. Und wenn man‘s ganz genau nimmt, konnte er auch gar nicht anders: „Merz“, sagte Kurt Schwitters, „ist Konsequenz.“

Sehen

Bis 6. Oktober, Sprengel-Museum, Hannover.

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