Tiefenentspannung mit Ungeheuern

Comic-Kolumne: Nicolas Mahlers „Das Ritual“

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Syke - Von Jan-Paul Koopmann. „In der Ruhe liegt die Kraft“, heißt das Mantra der Entschleuniger, aber manchmal ist es eben auch genau umgekehrt. Im Comic jedenfalls strahlte lange nichts solche Anmut und solchen Seelenfrieden aus wie Nicolas Mahlers Riesenmonster, wenn sie ganze Städte in Schutt und Asche legen. „Das Ritual“ heißt das kleine Büchlein, das eine Hommage ist an Eiji Tsuburaya, den japanischen Special-Effect-Meister hinter den alten Godzilla-Filmen.

Die Männer in Gummikostümen sind hier Mahler’sche Strichmännchen neben knallbunten Riesenechsen mit grotesken Augen, Klauen und so etwas wie Schnäbeln. In lakonischem Ton und prägnanten Sätzen erzählt der Monstermacher von den Arbeitsbedingungen am Set, der Bescheidenheit seines Tuns und davon, wie egal ihm die logischen Schwächen dieser Geschichten sind – besser gesagt: waren. Denn das alles ist ja lange vorbei. Der Meister spricht von früher.

Nicolas Mahler aus Wien ist einer der ganz großen deutschsprachigen Comickünstler. Seine Bücher erscheinen nicht nur in den renommiertesten Verlagen, sondern auch in Häusern, die nur Comics machen, wenn sie ihnen richtig wichtig sind. Suhrkamp zum Beispiel. Und wer es irgendwie hinbekommen hat, bislang über keines von Mahlers Büchern zu stolpern – der kennt dann eben seine Strips aus der Titanic.

Kafkaesk seien diese verschachtelten Arbeiten aus einfachsten Zutaten, heißt es immer mal wieder – selbst wenn Mahler ganz andere Literaten adaptiert. Die monumentalen 5 000 Seiten von Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ (Suhrkamp, 2017) hat er virtuos zum Taschenbuch-Comic konzentriert. Oder Elfriede Jelineks Sprachgewalt in wenige Striche übersetzt: „Der fremde! Störenfried der ruhe eines sommerabends der ruhe eines friedhofs“ (Carlsen, 2018). Beide sind unglaublich toll, beide sind punktgenau reduziert auf ihr Wesentliches.

Das dünne Buch verlangt nach großen Pausen

Mahlers Bildsprache erkennt man sofort an der charakteristischen Gesichtslosigkeit seiner Figuren. Und weil sie – ganz nah am Strichmännchen – eine unglaublich dichte Atmosphäre schaffen. Hier eben eine zen-artige Ruhe. Melancholisch ist diese Rückschau in eine Filmwelt, die es heute nicht mehr gibt. Ganz schwermütig könnte man auch sagen: Eiji Tsuburaya nimmt Abschied von der Welt. Das ist ein schwerer Gang durch ein sehr dünnes Buch, das einem manchmal auch Pausen abnötigt. Man sieht und liest eine ganze Seite in zwei Sekunden – und denkt dann ein paar Minuten drüber nach. 

„Mich hat das nicht gestört“, sagt die Hauptfigur irgendwo zwischendrin zweimal direkt hintereinander. „Mich hat das nicht gestört“, und man bekommt so eine vage Ahnung von einer gewaltigen, aber überwundenen Unruhe, die da irgendwo zwischen den so wenigen Zeilen steckt. „Das Ritual“ ist ein wunderschönes kleines Buch über die Ruhe, Leben, Arbeit, Zen – und eben über amoklaufende Riesenmonster und außerirdische Invasionen.

Nicolas Mahler: Das Ritual. Reprodukt 2018, 64 Seiten Hardcover, 14 Euro

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