Ein „schlafender Riese“

AWI-Forscher entdecken unter Gletscher der Ostantarktis weniger Wasser als gedacht

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AWI-Wissenschaftler haben im antarktischen Sommer 2013/2014 den Recovery-Gletscher in der Ostantarktis von Bord des Forschungsflugzeuges „Polar 6“ aus großflächig mit dem Radar vermessen.

Bremerhaven - Mehr Fragen als Antworten sind das Ergebnis einer Expedition von Forschern des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung (AWI) in Bremerhaven zum sogenannten Recovery-Gletscher in der Ostantarktis. Via Satellit überprüften die AWI-Forscher Unter-Eis-Seen. Unter dem Eisschild fanden sie jedoch viel weniger Wasser als angenommen.

Dieses Ergebnis überrasche, so AWI-Sprecherin Jacqueline Martin. Bislang hatte die Wissenschaft angenommen, dass überlaufende Seen unter dem Ostantarktischen Eisschild der Grund seien, warum die Eismassen überhaupt ins Rutschen geraten und sich Eisströme bilden. Die Studie ist jetzt im Fachmagazin „Journal of Geophysical Research“ erschienen.

Der Gletscher ist dem Institut zufolge bislang ein „schlafender Riese“. Im Schneckentempo von zehn bis 400 Meter pro Jahr transportiert er Eismassen vom Hochplateau des Eisschildes hinab Richtung Weddellmeer. Sein Einzugsgebiet reicht weiteren Angaben nach vom Filchner-Schelfeis an der Küste rund 1 000 Kilometer weit in das Landesinnere und erstreckt sich über eine Fläche fast dreimal so groß wie Deutschland.

Beides könnte den Gletscher laut AWI zu einem gefährlichen Akteur machen, sollte er im Zuge des Klimawandels Tempo aufnehmen. Prognosen zufolge wäre er dann jener Strom, über den die Ostantarktis das meiste Eis verlieren würde. Ein Anstieg des weltweiten Meeresspiegels wäre die unmittelbare Folge, so Martin weiter. Warum sich die Eismassen überhaupt in Bewegung setzten, sei nach den AWI-Forschungsergebnissen nun ungewisser als je zuvor. Denn bislang hatten Wissenschaftler angenommen, Schmelzwasserseen unter dem Eis würden den Impuls zur Entstehung des Eisstromes geben.

Die Vorstellung war, dass diese Seen gelegentlich überlaufen und dabei einen Gleitfilm entstehen lassen, auf dem das Eis dann rutscht. „Auf Satellitenaufnahmen des Gletschers erkennen wir gerade im oberen Einzugsgebiet viele flache, gleichförmige Bereiche an der Oberfläche. Von ihnen hatte man bisher angenommen, dass sich an der Unterseite des Eispanzers riesige Seen befänden, die den Eisstrom initiieren. Ohne diese Seen, so die Vorstellung, würden Eisströme wie der Recovery-Gletscher gar nicht erst entstehen“, sagt Prof. Angelika Humbert, Leiterin der Glaziologie am AWI. Sie und ihre Kollegen können diese Annahme nun widerlegen. Im antarktischen Sommer 2013/2014 haben sie den Gletscher von Bord eines Forschungsflugzeuges aus mit dem Radar vermessen. Dessen Daten verraten bis zu einem gewissen Maße, ob der Untergrund unter dem Eisstrom nass oder trocken ist. Die angenommenen Wasseransammlungen von der Größe des Bodensees und größer aber haben sie dabei nicht gefunden.

„Unsere Ergebnisse zeigen, dass überfließende Seen nicht der ausschlaggebende Mechanismus für die Entstehung eines Eisstromes sein können“, so Humbert. Der Forscherin zufolge bleiben nun seismische Untersuchungen – also mittels künstlich erzeugter Wellen –, um zu verstehen, warum sich Eisströme in Bewegung setzen. In zwei Jahren wollen die Forscher dem Gletscher so unter das Eis schauen und ihn außerdem mit einem speziellen Eisradar unter die Lupe nehmen. Erkenntnisse über die ursächlichen Mechanismen des Gletscherflusses würden dringend gebraucht, um sie in Eis- und Klimamodelle einzubauen und ihre Vorhersage-Genauigkeit zu verbessern, heißt es. vr

www.awi.de

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