„Bedeutender Teil“ seines Berufslebens

Abschied nach schwerer Krankheit: Stuhrs Bürgermeister Niels Thomsen geht

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Nicht nur der Schreibtisch ist aufgeräumt: Nach dem schweren Jahr 2019 ist Niels Thomsen mit sich im Reinen.

Für Niels Thomsen endet am Donnerstag die achtjährige Amtszeit als Bürgermeister der Gemeinde Stuhr. Im Interview spricht er über seine Zeit als Verwaltungschef und über den 3. Februar 2019, als eine Krankheit sein Leben schlagartig verändert hat.

Stuhr - Insgesamt blickt der Fahrenhorster auf eine 15-jährige Tätigkeit in der Verwaltung zurück. Er war 2005 aus dem schleswig-holsteinischen Wittbek gekommen, um die Stelle als Erster Gemeinderat anzutreten. Vom Gemeinderat wird er sich am Mittwochabend verabschieden. Im Interview mit der Kreiszeitung lässt Thomsen (58) vorab seine Amtszeit Revue passieren, spricht über das schwere Jahr seiner Krankheit und darüber, wie er seine Zukunft gestalten möchte.

Herr Thomsen, wie geht es Ihnen?

Mir geht es wieder gut. Im vergangenen Jahr war das nicht der Fall. Ich hatte einen schweren Herzinfarkt, an dessen Folgen ich lange tragen musste. Die Prognose ist aber positiv. Ich werde wieder völlig gesund werden. Das freut nicht nur mich, sondern natürlich auch meine Familie.

Welche Erinnerungen haben Sie an den 3. Februar 2019, der Ihr Leben schlagartig verändert hat?

Ich war am Wochenende bei meinen Fußballfreunden in Schleswig-Holstein. Auf der Rückfahrt wurde mir in der Straßenbahn schlecht, in der letzten Kurve vor dem Sielhof in Bremen, wo mich meine Frau abholen wollte. Ich habe mich langsam ins Auto geschleppt. Meine Frau wollte mich gerade ins Krankenhaus fahren, als ich auf dem Beifahrersitz den Herzinfarkt bekam.

Bürgermeister Niels Thomsen: Verdanke meiner Frau mein Leben

Auch dadurch, dass zwei meiner Söhne im Rettungsdienst tätig sind, wusste sie, was zu tun war. Mit der Hilfe eines Passanten zog sie mich aus dem Auto und startete mit der Herzdruckmassage. Ihr und einer zweiten Person habe ich mein Leben zu verdanken: der Notärztin, die nicht aufgegeben hat und mir die Elektroschocks verabreichte. Ab da war ich in professionellen Händen. Ich kam ins Krankenhaus Links der Weser.

Die vielen Genesungswünsche haben auch dazu beigetragen, dass es schnell wieder aufwärts ging. Ich habe ebenfalls gespürt, dass Menschen an mich gedacht haben. Es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde, die man nicht erklären kann.

Wie hat sich Ihr Leben danach verändert?

2019 ging es ausschließlich um die Wiederherstellung meiner Gesundheit. Das ganze Jahr war davon geprägt – von der Klinik über die Reha bis hin zu den Dingen, an die man sich anschließend halten muss, gesunde Ernährung und Sport zum Beispiel. Ich bin viel Fahrrad gefahren, auch zum regelmäßigen Reha-Sport im Krankenhaus links der Weser.

Ihr Leben war auf den Kopf gestellt.

Ja, auch weil ich nie lange krank war. Ich hatte höchstens mal eine Grippe. Das war eine Situation, mit der ich plötzlich umgehen musste. Ich wollte mein letztes Amtsjahr gut zu Ende bringen, die Möglichkeit hatte ich nun nicht mehr, das muss man erstmal realisieren. Aber es gab keine Alternative. Ein „Weiter so“ hätte es nur auf eigene Verantwortung, gegen die anderslautenden Appelle der Kardiologen, gegeben. Das wollte ich nicht.

Bedeutende acht Jahre als Bürgermeister in Stuhr

Wie fühlt sich in diesen Tagen die Rückkehr an den Schreibtisch an?

Das ist ein sehr spezielles Gefühl. Nicht wehmütig, aber mit vielen Erinnerungen verbunden. Die acht Jahre als Bürgermeister waren ein bedeutender und wichtiger Teil meines Berufslebens.

Als Sie im Februar 2017 im Interview mit der Kreiszeitung Ihre Fünf-Jahresbilanz in diesem Amt zogen, sagten Sie, Bürgermeister sei der schönste Job der Welt. Können Sie das heute noch so sehen?

Das ist nach wie vor so. Der Beruf ist unendlich interessant, sehr vielfältig und sehr anspruchsvoll. Es war eine große Chance für mich, Bürgermeister der Gemeinde Stuhr sein zu dürfen. Das hat mich auch persönlich voran gebracht.

Trotzdem entschieden sie sich im August 2018, nicht ein weiteres Mal zu kandidieren.

Das lässt sich nicht nur auf die Phase als Bürgermeister reduzieren. Insgesamt waren es 15 Jahre in führender Position, davor als Erster Gemeinderat. Das ist eine sehr lange Zeit. Demokratie lebt vom Wechsel. Ich fand einfach, dass meine Zeit zu Ende sein sollte. Weitere sechseinhalb Jahre hätte ich als insgesamt zu lange empfunden. Die Gesundheit hat bei dieser Entscheidung keine Rolle gespielt.

Niels Thomsen: Ich wollte bei meinem Amtsantritt Kurs halten

Was ist in Ihrer Zeit als Bürgermeister besonders gut gelaufen, worüber haben Sie sich am meisten gefreut?

Ich wollte bei meinem Amtsantritt Kurs halten. Das bedeutete seinerzeit: Stuhr investiert weiterhin und saniert dort, wo es notwendig ist – das Ganze bei fortlaufender Schuldentilgung. Wenn ich das rückblickend betrachte, ist das auch gelungen. Wir haben die Schulden um zwei Drittel auf jetzt 2,9 Millionen Euro reduziert und in acht Jahren fast 100 Millionen Euro für Investitionen und Sanierungen aufgebracht. Stuhr steht, wenn ich mir die damaligen Ziele ansehe, heute genauso da.

Besonders habe ich mich übrigens immer dann gefreut, wenn die dritten oder vierten Klassen im Rathaus zu Besuch waren. Die Schüler waren immer neugierig, offen und unbedarft. Das waren tolle Momente. Etwas stolz gemacht hat mich, dass sie am Ende immer ein Autogramm haben wollten.

Gibt es etwas, was Sie als belastend empfanden?

Das hat weniger mit Projekten zu tun als mit den Verkehrsunfällen und anderen Unglücken in unserer Gemeinde, zu denen Feuerwehr, Polizei und Rettungsdienste immer wieder ausrücken mussten und müssen. Die meisten machen das ja ehrenamtlich, und das ist alles ein bisschen viel gewesen. Ich habe mir oft gedacht: Jetzt müssen sie wieder ihre Arbeit verlassen, um vielleicht einen Toten aus dem Auto oder aus dem See zu bergen. Meine Gedanken waren oft bei ihnen und den Familien der Betroffenen.

Bürgermeister Thomsen sieht gute Entwicklung in Stuhr

Wie fällt die Gesamtschau zu 15 Jahren Rathaus Stuhr aus?

Die Gemeinde hat in diesen Jahren eine gute Entwicklung genommen. Die Voraussetzungen dafür wurden schon in der Zeit davor geschaffen, genau wie wir in meiner Zeit die Voraussetzungen für die folgenden Jahre geschaffen haben. Vor allem in Bereichen wie Bildung und Nachhaltigkeit war es wichtig, dass wir uns dort immer sehr engagiert haben.

Haben Sie eigentlich schon Ihren Nachfolger Stephan Korte kennengelernt?

Ja, ich habe mich schon mit ihm getroffen. Und das nicht nur ein Mal.

Welchen Eindruck haben Sie von Ihm gewonnen?

Einen guten. Ich glaube, dass er gut vorbereitet in seine Zeit als Bürgermeister geht.

Haben Sie den Wahlkampf im vergangenen Jahr verfolgt?

Nicht live, sondern über die Medien. Ich habe das alles ganz neutral betrachtet.

Linie 8 ist Niels Thomsen auch privat wichtig

Kein Interview ohne Frage zur Linie 8: Wenn sie, wonach es jetzt aussieht, im Jahr 2023 fährt, dürften Sie einer der ersten Fahrgäste sein.

Ja, ich kann es kaum erwarten. Ich würde sie privat intensiv nutzen. Ich halte es für unverzichtbar, dass sie jetzt kommt, nicht nur wegen der Klimaschutzdebatte. Ein schienengebundener Personennahverkehr in der Nähe zum Oberzentrum Bremen: ohne den bleibt das ein großer Standortnachteil.

Ihre Antwort impliziert, dass Sie auch künftig in Stuhr wohnen werden.

Ja, das Ende meiner Amtszeit ist kein Grund, jetzt umzuziehen. Wir fühlen uns in Fahrenhorst immer noch wohl.

Was sind Ihre Pläne für die Zukunft?

Gesund sein und alles dafür tun, dass es so bleibt. Der Rest ergibt sich von allein. Es gibt nicht den Plan, dieses und jenes zu machen. Etwas für die Gesundheit zu tun, macht auch Spaß. Sicher kann auch die eine oder andere Reise dazu beitragen.

Bürgermeister von Stuhr ist dankbar für gute Zusammenarbeit

Verraten Sie unseren Lesern, was Sie den Ratsmitgliedern am Mittwochabend zum Abschied sagen?

Das wird keine staatstragende Rede. Ich werde insbesondere auf den Aspekt der Zusammenarbeit zwischen Rat und Bürgermeister eingehen. Die habe ich als sehr positiv empfunden. Das hat viel Spaß gemacht.

Was wünschen Sie dem Rat für die Zeit unter Stephan Korte?

Dass er weiter Entscheidungen trifft, die den in Stuhr lebenden Menschen guttun. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass wir mal irgendetwas durchgezogen haben, was für die Bewohner belastend war, etwa die Ansiedlung eines unverträglichen Gewerbebetriebs. Immer hat es der Lebenswirklichkeit der Menschen gedient.

Werden Sie das politische Geschehen auch nach dem morgigen Donnerstag weiter verfolgen?

Natürlich. Es ist sehr interessant, was in Stuhr passiert. Das, was im Rat geschieht, spielt eine große Rolle. Aber Stuhr ist nicht nur der Rat, auch wenn er wichtige Aufgaben hat. Stuhr – das sind auch die Vereine, die Kirche und andere Institutionen. Überhaupt das Ehrenamt eben.

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