„Gelenke verbiegen? Ja – Brechen? Nein“

Interview mit dem Visselhöveder Wrestler Crazy Johnny Tiger über Sinn und Unsinn des Sports

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Während der Kampfpausen lässt sich der Visselhöveder Wrestler Crazy Johnny Tiger, der mit bürgerlichem Namen Christian Städter heißt, auch gerne mal in die etwas zärtlichere Zange nehmen.

Visselhövede - Von Jens Wieters. Die einen schütteln nur ablehnend den Kopf wenn sie etwas übers Wrestling hören, die anderen sind hellauf begeistert von der Mischung aus Show und Sport. Einer, der schon seit Jahren die Szene in der Region nicht nur zwischen den Seilen aufmischt, sondern das Catchen vor allem bekannt gemacht hat, ist Christian Städter aus Visselhövede, der als Crazy Johnny Tiger viele Gegner in den Ringstaub schickt. Wir haben mit ihm, der in diesem Zusammenhang gerne mit seinem Ringnamen angesprochen werden möchte, über den Sport gesprochen.

Was ist das Faszinierende am Wrestling?

Crazy Johnny Tiger: Früher habe ich immer gesagt, dass man im Ring ein ganz anderer Mensch ist, dass man das komplette Gegenteil zu seinem normalen Arbeitsleben ist und dass man seiner dunklen oder bösen Seite einmal freien Lauf lassen kann. Das gilt auch immer noch. Wie jeder andere körperlich anstrengende Sport, ist es eine Möglichkeit, Stress zu kompensieren. 

Aber einen Faktor habe ich über die Jahre leider vergessen zu erwähnen. Das Besondere sind die Fans. In kaum einem anderen Sport hat man die Möglichkeit, so auf sie einzugehen, sei es auf Kritik, Beschimpfungen oder auf Wünsche. Ich kenne keine andere Sportart, bei der der Kämpfer sich mal eine Auszeit gönnt und sich auf den Schoß eines Fans setzt. Und die Zuschauer lieben es, hautnah am und sogar im Geschehen zu sein.

Ist Wrestling eher Sport oder eher Show?

Tiger: Sowohl als auch: Vor dem Kampf Show, während des Kampfes Sport. Man trägt die Verantwortung und vor allem die Ehre nicht nur für seinen eigenen Körper, sondern auch für den des Gegners. Gelenke verbiegen? Ja – Brechen? Nein. Es ist ein Vollkontaktsport, wie es viele weitere gibt, und die Grundlagen sind fast immer die gleichen. Darum ist das Ringen ja auch ein anerkannter Sport.

Der Beginn eine Wrestler-Freundschaft: Der Tiger in den 1980er Jahren mit de Superstar Hulk Hogan.

Wie lange stehen Sie schon im Ring, oder besser gefragt, wie lange wollen Sie noch kämpfen?

Tiger: 1994 war das Zauberjahr, in dem ich das erste Mal mit einem Trainer im Ring stehen durfte, also vor 24 Jahren. Ich habe Talente kommen und gehen sehen, Freunde und Feinde in diesem Sport kennengelernt und einige bis in den Tod begleitet. Wenn man in diesem Sport groß geworden ist, so hat meine eine Art Familie gefunden und man sieht immer an den eigenen Kindern, wie schnell man alt wird. 

Mein Körper sagt seit ein paar Jahren, dass es langsam Zeit wird, darum gehe ich seitdem seltener in den Ring, auch wenn Anfragen da sind. Ich denke der Kopf ist willig und das Ego drängt einen. Aber man muss irgendwann über seinen Schatten springen. In zwei Jahren wird die Harley-Wrestling-Night 20 Jahre alt. Bis dahin sollte es noch reichen, falls nicht vorher jemand auftaucht und der Karriere einen Schlussstrich verpasst.

Macht Ihr Körper noch mit, oder ist es alles halb so schlimm, auch wenn die Sprünge und Flüge sehr spektakulär aussehen?

Tiger: Der Körper meldet sich, aber das macht er auch, wenn man eine Grippe hat und dann erholt er sich wieder. Die Frage bleibt also, wie viel kann man noch einstecken, bevor man nicht mehr aufstehen kann? 

Die Aktionen im Ring sehen nicht nur spektakulär aus, sondern sie sind auch schmerzhaft. Im Idealfall mehr für den Gegner als für sich selbst, aber Aktionen gehen mal daneben und dann spürt man erst, was für eine Wucht dahinter steckt. Jeder kennt es, hinzufallen. Diesen Zustand muss man sich dann am Stück für eine Kampflänge von knapp 15 Minuten vorstellen.

Sprechen die Wrestler manche Ringsituationen ab, um mit möglichst viel Tamtam auf den Ringboden zu knallen? Oder kämpft jeder so, wie er kann?

Tiger: Körperlich gibt jeder das, was er kann und man merkt im Ring schnell, wie fit der Gegner ist oder wo seine Schwachstellen sind. Ja, es gibt aber auch Savewörter bei Verletzungen. Allerdings wird dann der Referee aktiv und kümmert sich um die Fighter. Viele Aktionen sind wie Schach: Wenn ein Zug kommt, folgt praktisch bald der nächste, oder man kann kontern. Daher sieht es oft so aus, als wenn etwas abgesprochen oder choreografiert ist, aber wir sind keine Backgroundtänzer!

Crazy Johnny Tigers Gegner werden oft und nicht gerade sanft in den Ringstaub geschickt. 

Wer ist härter: Männer oder Frauen?

Tiger: Untereinander oder gegeneinander? Da gibt es eigentlich keinen Favoriten bei mir, sondern das ist charakterabhängig, allerdings greifen die Damen gerne mal in die Haare und fahren ihre Krallen aus.

Sind die Körper der Wrestler eigentlich irgendwo geschützt?

Tiger: Es gibt keine Vorschriften über Körperschutz in diesem Sport, somit kann man sich nach eigenem Ermessen schützen, natürlich nicht mit einer Art Ritterrüstung. Die wäre viel zu unbeweglich. Es gibt Knie- und Ellbogenschoner, die oft verwendet werden. 

Einige Fighter tragen ein Unterleibsschutz, Ohrschützer wie beim Ringen oder sogar einen Zahnschutz. Ratsam ist es, feste Wrestling-stiefel zu tragen, die über die Knöchel gehen. Zur Stabilität kann man sich die Gelenke auch tapen, also mit Sportband fixieren. Das sieht man oft an Handgelenken.

Muss man groß und schwer sein, um zu gewinnen, oder haben auch eher kleinere und wendige Personen eine Chance?

Tiger: Weder noch, man muss verbissen sein und etwas wirklich wollen. Natürlich spielen Gewicht und Schnelligkeit eine Rolle, aber wenn man weiß, seine Talente einzusetzen, geht man schon mit Vorteilen in den Kampf.

Was dürfen die Zuschauer am 17. November in Wittorf erwarten?

Tiger: Harte Kämpfe um jede Menge Gold, gepaart mit Superstars, Muskeln und super hübschen Frauen. Männliche und auch weibliche Zuschauer bekommen das geboten, was Herzen höherschlagen lässt. Für Kids sind es die Stars aus dem TV live und nicht aus 200 oder 500 Meter Entfernung, sondern zum Anfassen und zum Hände schütteln.

Wie funktioniert es, geeignete Sportler für einen Kampf auf dem platten Land zu engagieren?

Tiger: Ich habe in meinen 24 Jahren viele Sportler kennengelernt, und die Deutsche Wrestling Allianz hat sich einen guten Ruf erarbeitet. Hier geht es fair und korrekt zu, daher erreichen uns fast täglich Anfragen aus der ganzen Welt, um bei unseren Turnieren dabei sein zu dürfen. 

Momentan überlegen wir, französische oder kroatische Talente im nächsten Jahr nach Deutschland zu holen, da diese an unserem Land sehr interessiert sind. Doch auch die WWE-Superstars halten Kontakt zu uns und umgekehrt. Besonders die Amerikaner sprechen viel in den Kabinen in den Staaten untereinander, und die DWA ist stolz darauf, behaupten zu können, dass das durchweg positiv ist.

Haben Sie genügend finanziellen Spielraum?

Tiger: Wir sind ein eingetragener und als gemeinnützig anerkannter Verein, wenn dies nicht so wäre, dann müssten wir die Promotion dicht machen. Natürlich könnten wir wie große Ligen astronomische Ticketpreise nehmen, aber wir wollen unseren Sport jedermann zeigen und somit bieten wir schon Karten ab 9,90 Euro an. Die finanziellen Mittel sind also entsprechend gering.

Warum gibt es keine Altersbeschränkung? Es geht doch im Ring nicht unbedingt sittsam zu?

Tiger: Im Wrestling soll keiner fahrlässig verletzt werden oder k.o. gehen, es ist ein technischer Sport mit Unterhaltungsfaktor durch die Gimmicks, also die dargestellten Charaktere. Eben ein Sport für die ganze Familie.

Sind solche Veranstaltungen wie in Wittorf noch angesagt, oder bemerken Sie einen Zuschauerschwund?

Tiger: Das ist ganz unterschiedlich, in einem Jahr läuft es super, in dem nächsten kommen nur die Hälfte der Zuschauer. Vieles ist abhängig von den Stars der Szene, denn einige Fans kommen nur noch, um sich Autogramme von gewissen Wrestlern zu holen. 

Vorsichtig muss man auch bei den Verpflichtungen sein. Denn wenn ein Star absagt, sind nicht nur die Promoter, sondern auch die Fans enttäuscht und steigen gar nicht erst ins Auto. Man muss die nächsten Jahre einfach abwarten.

Gibt es noch genügend Sponsoren? Der Abend heißt ja nicht mehr Harley-Wrestling-Night.

Tiger: Wir haben einige Sponsoren aus Visselhövede die uns seit Jahren unterstützen und die Turniere möglich machen. An dieser Stelle noch einmal Danke an alle, die uns fördern. Was uns fehlt, wären vielleicht ein oder zwei Sponsoren, die an uns herantreten, um etwas Größeres aufziehen zu können. Gerade im Hinblick auf die 20. Veranstaltung dieser Art. Ich könnte mir schon gut einen Wrestling-Firmenname-Cup 2019 vorstellen.

Ihr größter Wunsch für die Wittorfer Kampfnacht?

Tiger: Ich wünsche mir für alle Beteiligten, dass die Knochen heil bleiben! Hab ich drei Wünsche frei? Jede Menge Fans, die eine super Stimmung machen und meiner Lebensgefährtin Sarah alles Gute an diesem Tag, ist ja ihr Geburtstag. Wir sehen uns am 17. November in Wittorf!

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