Wo alle wissen, wovon die andere spricht

Selbsthilfegruppe „Frauen und Krebs“: Austausch, Infos, Unternehmungen

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Einmal im Monat trifft sich im Posthausener Gemeindehaus die Selbsthilfegruppe „Frauen und Krebs“, vor zehn Jahren ins Leben gerufen von Brigitte Böhling, die sich hier von Friseurmeisterin Inge Gerken Tipps mit Pinsel und Puder geben lässt. 

Posthausen - Von Petra Holthusen. Die meisten kommen schon viele Jahre. Sie haben die akute Phase überstanden, aber die Angst, dass der Krebs wiederkommt, bleibt und wird immer wieder besonders groß vor der nächsten Kontrolluntersuchung. Die neu dazukommen, müssen die Diagnose erstmal verdauen und sich im einsetzenden Gefühlschaos und in der medizinischen Informationsflut zurechtfinden.

Zwischen 10 und 14 Frauen in unterschiedlichen Stadien einer Krebserkrankung treffen sich einmal im Monat im Posthausener Gemeindehaus zur Selbsthilfegruppe „Frauen und Krebs“. Sie sind sich gegenseitig Mutmacherin und Ratgeberin, holen sich gemeinsam Informationen von außen ein und unternehmen öfter mal schöne Dinge zusammen – seit inzwischen zehn Jahren.

Als sie 2004 an Krebs erkrankte, „habe ich solche Ansprechpartner in der Gegend vermisst“, erzählt Brigitte Böhling aus Hintzendorf-Stellenfelde. Informationen, Rat und Unterstützung, das „habe ich mir alles telefonisch besorgt“. Als sie selbst „das Gröbste überstanden hatte“, fand Brigitte Böhling es „eine gute Idee, bei uns eine Selbsthilfegruppe ins Leben zu rufen“. 

Während ihrer eigenen Erkrankung war ihr sehr bewusst geworden, wie viele Frauen von Krebs betroffen sind, vor allem von Brustkrebs. Mit der Idee, die Treffen unter dem Dach des evangelischen Gemeindehauses an der Posthausener Kirche zu veranstalten, rannte Brigitte Böhling bei Pastorin Constanze Ulbrich offene Türen ein. Zum ersten Treffen im September 2008 kamen 30 Frauen: „Das zeigte ja den Bedarf.“ Rund zehn Jahre später ist Brigitte Böhling „stolz, dass die Frauen gerne kommen, dass sie immer wiederkommen.“ Übrigens nicht nur aus Posthausen, sondern auch aus Achim, Kirchlinteln und anderen Orten im Kreis.

„Man wächst zusammen“, sagt eine der Teilnehmerinnen

„Donnerwetter, dass das so lange hält, hätte ich nicht gedacht“, sagt die Initiatorin. Dass die Gruppe gebraucht werde, sei traurig, „weil die Frauen ja krank sind“, aber dass sie so viele Jahre schon zusammenhalte, sei schön.

„Man wächst zusammen“, nickt Elke, die schon lange dabei ist, „das sind ja sehr persönliche Sachen, über die wir uns hier austauschen.“ Über das eigene Befinden zu reden, über die alle Kräfte aufzehrenden Behandlungen, Schmerzen, Sorgen und die Angst vorm Sterben, „das ist hier was anderes“. 

Alle wissen, wovon die andere spricht, weil sie es selbst durchgemacht haben. „Da nützt es nichts, mit der besten Freundin zu reden, wenn die Krebs nicht hat“, verdeutlicht Elke. Das gehe auch mit dem Partner so nicht, ergänzt Rosi. Deshalb „ist es schön, mit jemandem zu reden, der einen wirklich versteht“.

„Sich auch mal richtig auskotzen zu können“

„Sich in vertrauter und vertraulicher Runde fallen lassen und, auf Deutsch gesagt, auch mal richtig auskotzen zu können“, beschreibt Constanze Ulbrich die Bedeutung. Im Familien- und Freundeskreis versuchten die Frauen oft, Stärke zu zeigen mit Blick auf die Ängste ihrer Angehörigen – in der Runde mit anderen Betroffenen müssten keine Gefühle kontrolliert oder irgendwelche Rücksichten genommen werden, sagt die Pastorin, die die Gruppe seit Beginn seelsorgerisch begleitet. Dass Therapien und Medikamente körperliche und psychische Belastungsgrenzen senken und emotionale Spuren hinterlassen, „das bleibt über die akute Phase hinaus, aber das versteht das Umfeld oft nicht“.

Neben dem persönlichen Austausch und zusammen durchlebten schweren Stunden, etwa wenn eine Frau aus der Gruppe gestorben ist oder wenn bei einer die Krankheit erneut ausbricht, profitieren alle gegenseitig von ihren Erfahrungen mit Ärzten, Kliniken und Therapien. Hilfreiche Tipps wie die Bienensalbe vom Imker, die Verbrennungen nach der Bestrahlung lindert, machen die Runde. 

Wo externes Wissen gefragt ist, lädt Brigitte Böhling Referenten in die Gruppe ein, etwa zum Thema Schwerbehindertenausweis. Darüber hinaus „versuchen wir, uns so oft es geht etwas Gutes zu tun: Wir sind schon gepilgert, ins Theater gegangen, haben zusammen gegrillt“, zählt Brigitte Böhling auf. Auch eine Malgruppe ist aus der Selbsthilfegruppe hervorgegangen.

Bei einem Schmink-Workshop kommt gute Stimmung auf

Diese Woche war Inge Gerken zu Besuch in der Gruppe. Die Friseurmeisterin aus Giers-Schanzendorf bietet Schmink-Workshops für Frauen mit Krebs an: Sich hübsch zu fühlen, hilft der Seele und stärkt das Selbstbewusstsein in einer schweren Zeit, sagt sie und zeigt den Frauen, wie sich „mit wenigen Handgriffen etwas zaubern lässt, auch wenn ich extrem blasse oder trockene Haut habe und keine eigenen Wimpern und Brauen mehr“.

Es wird viel gewitzelt und gelacht an diesem Abend rund um den Schminktisch. Noch etwas, das diese Frauenselbsthilfegruppe auszeichnet, wie Brigitte Böhling erzählt: „Wir können auch viel und gut zusammen lachen.“

Die Selbsthilfegruppe „Frauen und Krebs“ trifft sich immer am ersten Mittwoch im Monat um 19.30 Uhr im Gemeindehaus an der Lukaskirche in Posthausen. Alle betroffenen Frauen sind jederzeit willkommen. Als Ansprechpartnerinnen der Gruppe stehen Brigitte Böhling unter Telefon 04297 / 817025 und Constanze Ulbrich unter Telefon 04297 / 229 für nähere Informationen zur Verfügung.

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