„Dirk am Deich“: Gieselmann über sein Leben als Werder-Fan

Der mystische Freund

Dirk Gieselmann schreibt regelmäßig für die DeichStube über sein Leben als Werder-Fan.

Von Dirk Gieselmann. Ich habe einen Freund, er gehört zu meinen besten, der manchmal Verabredungen nicht einhält. Er sagt nicht ab, meldet sich auch hinterher nicht, um sich zu entschuldigen, er erscheint einfach nicht. Und mehr noch: Er verschwindet dann gleich für mehrere Tage, mitunter sogar Wochen. Und niemand weiß, wohin.

Das verleiht seinem Nichterscheinen etwas Geheimnisvolles, ja geradezu Mystisches. Der Grund, so scheint es, kann ja gar nicht nur banale Unzuverlässigkeit sein. Nein, er muss wohl Schiffbruch erlitten haben, und jetzt sitzt er fest auf einer unbewohnten Insel im Südatlantik. Oder er ist entführt worden oder hat sich irgendwo im fernen Osten unsterblich verliebt und dort ein neues Leben begonnen. Würde er doch nur ein Telegramm schicken! Wie ich ihn vermisse, meinen unzuverlässigen, mystischen Freund.

Natürlich darf er unter solch abenteuerlichen Umständen eine Verabredung zu einem schnöden Abendessen mit mir vergessen. Ich warte hier auf ihn, halte die Stellung, solange es eben nötig ist. Er weiß ja, wo er mich findet.

Dass er, wenn er schließlich wieder auftaucht, nur wenig oder gar nichts darüber erzählt, was er in der Zwischenzeit getrieben hat, verstärkt die sagenhafte Wirkung seines Fernbleibens. Er lächelt nur wissend, ich stelle längst keine Fragen mehr und verzeihe ihm alles. Er ist mein Freund, der die Angewohnheit hat, manchmal zu verdunsten, und dann, wenn ich ihn am meisten vermisse, auf mich herabzuregnen wie ein Schauer im Juli.Warum nun erzähle ich Ihnen das? Weil ich darüber hinaus, das ist mein Los, auch einen Verein habe, der zu solch rätselhafter Unzuverlässigkeit neigt. Und Sie kennen ihn selbst nur allzu gut.

Herrlich führte die Polonaise der Sieger durch unser Wohnzimmer

Waren wir nicht mit dem SV Werder ganz, ganz fest zum Sieg verabredet, beim Spiel gegen Leverkusen, spätestens jedoch in Mainz? Hatten wir uns nicht kurz zuvor noch, in Gelsenkirchen, so hervorragend verstanden? War der gemeinsame Ausflug nicht so schön gewesen, dass wir, im festen Glauben auf ein baldiges Wiedersehen, einander umarmten und sagten: Dann bis nächste Woche, mein Freund?

Stattdessen erlebten wir ein 2:6 und 1:2, die sich genauso anfühlten, wie sie sich lesen: 2:6 und 1:2. Es waren nicht einfach nur Niederlagen, die der SV Werder uns da zugemutet hat. Es waren nicht gehaltene Verabredungen, um nicht zu sagen: Versprechen. Wir hatten gewartet, beinah berstend vor Vorfreude auf ein weiteres rauschendes Fest der Freundschaft. Doch am Ende saßen wir am Katzentisch, weinten in unsere Gläser, und Heiko Herrlich führte die Polonaise der Sieger durchs Wohnzimmer. Durch unser Wohnzimmer! Zornig zerbrachen wir mit aller Kraft mehrere Salzstangen gleichzeitig.

Wo zum Teufel war der SV Werder? Hätte er nicht wenigstens absagen können? Dann hätten auch wir noch die Chance gehabt, dem Ort der Schmach fernzubleiben und etwas Sinnvolleres zu unternehmen, Tretboot fahren etwa oder Oma besuchen oder uns alte Micoud-Videos reinziehen. Wir können uns auch anders beschäftigen, so ist es nicht.

Nun ist die Sache aber etwas komplizierter als bei meinem immer wieder verschwindenden Freund: Der SV Werder war ja anwesend, und das, obwohl er nicht anwesend war. Oder war er nicht anwesend, obwohl er anwesend war? Bei bloßem Nichterscheinen hätte ihm eine empfindliche Strafe des Verbandes gedroht. Statt also selbst zur Verabredung zu kommen, hatte er jemand anderen geschickt, jemanden, der ähnlich aussah, aber nicht derselbe sein konnte, einen billigen Imitator, an dem das Echteste noch die Verkleidung war, ein Hologramm seiner selbst. Das war listig, aber unterm Strich ebenso enttäuschend.

Werder hat Angewohnheit, manchmal zu verdunsten

Besser, erträglicher und konsequenter als ein 2:6 und ein 1:2 einer Truppe, die nur so tut, als wäre sie der SV Werder, wäre es doch, wenn der Verein auf die Strafe pfeifen und wirklich gar nicht erst antreten würde. Das hätte etwas Mystisches, es wäre irgendwie romantisch und weit weniger frustrierend als eine plötzliche Formkrise. Im offiziellen Spielberichtsbogen würde dann stehen: Mannschaft hat vermutlich Schiffbruch erlitten, und jetzt sitzt sie fest auf einer unbewohnten Insel im Südatlantik. Oder sie ist entführt worden oder hat sich irgendwo im fernen Osten unsterblich verliebt und dort ein neues Leben begonnen. Würde sie doch nur ein Telegramm schicken!

Und wenn wir sie dann endlich wiedersehen, beim Spiel gegen Mönchengladbach, lächelt sie wissend, wir stellen keine Fragen und verzeihen ihr alles. Werder ist unser Verein, der die Angewohnheit hat, manchmal zu verdunsten, und dann, wenn wir ihn am meisten vermissen, auf uns herabzuregnen wie ein Schauer im Juli. So kennen und lieben wir ihn, auch wenn es manchmal wehtut.

Dirk Gieselmann

Das ist Dirk Gieselmann: Geboren 1978, aufgewachsen in Sankt Hülfe-Heede nahe Diepholz, groß geworden beim Magazin „11 Freunde“, ausgezeichnet mit dem Henri-Nannen- und dem Deutschen Reporterpreis, mittlerweile in Berlin lebend, als Freier Autor für die „Zeit“, die „Süddeutsche Zeitung“ und „Spiegel online“ arbeitend und jetzt auch Mitbewohner in der DeichStube. Regelmäßig wird Dirk Gieselmann in seiner Kolumne „Dirk am Deich“ über sein Leben als Werder-Fan berichten.

Quelle: DeichStube

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